Bericht zur Mitgliederversammlung des Pfarrvereins am 21. Mai 2007

4. Kritikpunkt: Das Pastorenbild des Impulspapiers

Es ist für uns nach wie vor rätselhaft, wie das EKD-Papier zu seiner grandiosen Fehlleistung kommt, einerseits der Pfarrerschaft eine zentrale Rolle für kirchliche Zukunftsgestaltung zuzuweisen und im gleichen Atemzug diese als zentral herausgestellte kirchliche Dienstgruppe - im eklatanten Widerspruch zu den eigenen Mitgliedschaftsbefragungen - als geistlich und mental desorientiert, selbstherrlich, unprofessionell und stark umstritten herabzusetzen. Diese doppelbödige Vorgehensweise widerspricht nun allen Grundsätzen solider Unternehmensleitung. Besonders verwerflich finden wir dabei den Vorwurf der separatistischen Gemeindebezogenkeit der Pastorenschaft. Wir jedenfalls sind mit unseren Gemeinden stolz auf unsere PfarrkollegInnen, dass sie sich so stark mit ihren Gemeinden und deren ehren- und hauptamtlichen MitarbeiterInnen identifizieren und damit vorrangig durch Verkündigung, Seelsorge und Gemeindeorganisation nach Auffassung der überwiegenden Mehrheit der Kirchenglieder zu gelingender Gemeindearbeit erheblich beitragen.

Denn der Gemeindebezug der Kirchenglieder wird, wie wir aus den Kirchenmitgliedschafts-Untersuchungen der EKD seit drei Jahrzehnten sicher wissen, im Wesentlichen vermittelt durch die GemeindepastorInnen, die für 80% der Kirchenglieder Hauptadressaten ihrer Erwartungen an kirchliche Arbeit sind, für 92% der Kirchenglieder (nach persönlichem Kontakt mit der PastorIn) als wichtigste kirchliche Sympathieträger gelten, für 60% der Kirchenglieder - weit vor LehrerInnen (33%) oder Jugendgruppen-LeiterInnen (26%) - wesentliche Garanten kirchlich-religiöser Sozialisation darstellen und in denen 85% der Kirchenglieder die Hauptrepräsentanten der Gemeinde sehen; selbst in einer Großstadt wie München kennen noch 65% ihre GemeindepfarrerIn.

Diese für viele immer noch überraschend positiven Begegnungs-Erfahrungen mit (Gemeinde-) PastorInnen bestätigen noch einmal die von Anna Stöber hervorgehobene Bedeutung der interaktiven, dh der direkten persönlichen Kommunikation: gerade für den Bestand kirchlicher Organisation ist es darum zwingend notwendig, jeder PastorIn nur so viele Gemeindeglieder zuzuweisen, wie sie durch ihre zeitintensive und nicht rationalisierbare, aber wirkungsvolle professionell-pastorale Beziehungsarbeit innerhalb eines bestimmten Zeitraumes persönlich erreichen kann. (Und das sind u.E. 2000 Gemeindeglieder, die übrigens 249.000 € Kirchensteuer 2007 zahlen und damit bequem eine PastorIn mit 67.700 € -jährliche Planungskosten- finanzieren können. ) Wer trotz dieses Sachverhaltes eine Gemeindepfarrstelle streichen will, sollte sich nachdrücklich vor Augen führen, welch ein von den Kirchengliedern bereits finanziertes hohes „Vertrauens-Kapital" an Erwartungen, Sympathie, kirchlicher Sozialisation und Ansehen er damit vernichtet.

Gleichzeitig sollte die klare Erkenntnis von der außerordentlich geringen kirchlich-religiösen Sozialisationsbedeutung medial vermittelter Einflüsse wie Internet (1%), Radio und Fernsehen (7%), bekannte Persönlichkeiten (10%), Bücher und Zeitschriften (20%) endlich dazu führen, die Wirkung kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit mit ihren zahlreichen Stabsstellen realistischer zu beurteilen. Es stimmt eben nicht, was das EKD-Papier permanent behauptet: Viele Menschen fänden heute ihr Verhältnis zur Kirche vorrangig über mediale Vermittlungen und entwickelten dabei so etwas wie eine EKD-Zugehörigkeit. Vielmehr zeigt das selbst vom Impulspapier zugegebene hohe gesellschaftliche Ansehen der PastorInnen, wie erfolgreich vorrangig diese kirchliche Dienstgruppe die in unserer Gesellschaft durchaus nicht so hoch angesehene Gesamtkirche repräsentiert.

Die EKD-Ratskommission muss darum die ihr zugespielte Einzelkritik an PastorInnen wesentlich professioneller als bisher gewichten und stets bedenken, dass die einzelne Beschwerde z.B. eines Trauerfeierteilnehmers kaum etwas aussagt über das Urteil der vielleicht 100 anderen Teilnehmer und absolut nichts über die Qualität der zahllosen Trauerfeiern dieser KollegIn in den letzten zehn Jahren.

 

 

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