Bericht zur Mitgliederversammlung des Pfarrvereins am 21. Mai 2007
3. Kritikpunkt: Der Gemeindebegriff des Impulspapiers oder die unreflektierte Fortschreibung des Gerüchtes von der "milieuverengten Gemeinde"
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Natürlich wiederholt das EKD-Papier gern das Gerücht von der "milieuverengten Gemeinde", sollen doch nach dem Willen der Autoren bis 2030 nur noch die Hälfte dieser angeblich milieuverengten Ortsgemeinden nicht mehr existieren. Dabei wird erneut kirchenleitend verkannt, was für Gemeinden und Gesellschaft längst offensichtlich ist: Im Gegensatz zu den kirchlichen Diensten und Werken, zu City-, Tourismus- oder Akademiegemeinden, die tatsächlich milieuverengt sind, weil sie stets nur bestimmte Zielgruppen ansprechen können, erreicht gerade die parochiale Ortsgemeinde durch ihre beiden größten Teilgemeinden im Veranstaltungs- und vor allem im Kasual-Bereich als einzige kirchliche Handlungseinheit wirklich alle Kirchenglieder und Kirchensteuerzahler und zudem noch weite Teile der Gesellschaft. Allenfalls die beiden kleinen parochialen Teilgemeinden des Gottesdienstes und der Gruppen könnten als "milieuverengt" bewertet werden, wenn man die Festgottesdienste übergeht. Erreicht werden alle Gemeindeglieder in erster Linie durch GemeindepastorInnen, die Zugang zu allen vier Teilgemeinden haben, insbesondere zu der Kasualgemeinde, der auch die 70%-80% kirchlich Distanzierten angehören. Am schärfsten zu kritisieren ist das EKD-Papier darum wegen seiner starken Abwertung der Ortsgemeinden und seiner völlig willkürlichen Aufwertung der Profil- und Netzwerk-Gemeinden, die bis heute ohne jede genauere Evaluation im Wesentlichen von medial sehr versierter Selbstdarstellung leben, komfortabel gestützt durch die publizistische Definitions- und finanzielle Verteilungsmacht der Kirchenleitung und damit letztlich alimentiert durch die Kirchensteuern der parochial-orientierten Kirchenglieder, die aber die ungerechtfertigten Privilegien der gehätschelten Hobby-Gemeinden mit pastoraler Untersorgung bitter bezahlen müssen. Zu diesem Bild passt, was mir vor einigen Jahren einmal ein Superintendent über kirchliche Pastoralsoziologen erzählte: Er habe sie mehrfach zur Begutachtung seiner engagiert arbeitenden Ortsgemeinden eingeladen. Doch die Soziologen seien einfach nicht gekommen. Ich nehme an, sie wollten gar keine erfolgreich arbeitenden Ortsgemeinden entdecken. |
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Diese abenteuerlichen Vorstellungen von der maßlosen Steigerung sog. Profil- und Netzwerk-Gemeinden widersprechen nicht nur in eklatanter Weise unserer volkskirchlichen Realität - und zwar in der Stadt wie auch in den "ländlichen Räumen". Mit diesem Ansinnen produziert das Impulspapier zudem einen Selbstwiderspruch: Wo sollen die hervorgehobenen kirchlichen "Kernvollzüge" wie vor allem Gottesdienste und Kasualien denn kirchlich sinnvoll verankert werden, wenn ihre Ursprungsorte, "ihre Sitze im Leben", zerschlagen oder zumindest halbiert werden? Wo soll denn der gelebte christliche Glaube seine Beheimatung, seine basale Vertrautheit finden, wenn nicht in den Kirchengemeinden vor Ort, wo in den vier Teilgemeinden des Gottesdienstes, der Gruppen, der Gemeindeveranstaltungen und vor allem der Kasualien sowohl die kirchlich Hochverbundenen wie auch die 70-80% kirchlich Distanzierten ihr kirchlich-religiöses Zuhause erleben, in Übereinstimmung mit der neutestamentlichen Auffassung, nach der jede Ortsgemeinde die Gesamtkirche repräsentiert: (s.1.Kor.1,2). |
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Bei seiner Abwertung der parochialen Ortsgemeinde ist das Impulspapier offensichtlich noch in der falschen Sicht der älteren Kirchensoziologie (Matthes, Drehsen, Dahm, Trutz Rendtorff u.a.) befangen, die meinte, Kirche und Gesellschaft scharf unterscheiden zu müssen und von daher Parochie als „praxislose", gesellschaftsferne, kleinbürgerliche Freizeitwelt beschrieb. Da jedoch in einer funktionalen Gesellschaft alle Funktionssysteme ein unmittelbares Verhältnis zur Gesellschaft haben, ist demzufolge das Religionssystem nicht weiter weg von der Gesellschaft als beispielsweise das Wirtschafts- oder Politiksystem. (Ich beziehe mich hier auf Isolde Karles einleuchtende Darstellung in ihrer Habilitationsschrift: „Der Pfarrberuf als Profession", 2. Auflage, Gütersloh 2001, S. 253-265) Die Entgegensetzung von Kirche und Gesellschaft verkennt mithin, dass auch die Kirche als Organisationssystem, das sich dem Religionssystem zuordnet, Teil und nicht Gegenüber der Gesellschaft ist. In einer Fabrik findet deshalb nicht „mehr" Gesellschaft statt als in einem Gottesdienst. Die Parochie ist insofern auch nicht die "private Wohnwelt" gegenüber der Öffentlichkeit. Denn in jeder Konfirmandenunterrichtsstunde, bei jedem Seelsorgegespräch und in jedem Gottesdienst vollzieht sich Gesellschaft in Form von sozialer Kommunikation. Pfarrerinnen und Pfarrer haben in der Parochie darüber hinaus eher mehr Möglichkeiten als Ingenieure und selbst als Politiker, Einblick in höchst disparate Lebensformen und - verhältnisse zu bekommen. Die Gesellschaft ist mithin nicht irgendwo draußen, außerhalb der Kirche, zu finden, sie vollzieht sich vielmehr mitten im Leben der Ortsgemeinde, die damit in einer Weise „außenorientiert" ist, die das Impulspapier leider nicht erkennen kann oder will. Ortsgemeinde ist eben nicht ein binnen-orientiertes Refugium für eine obsolet gewordene gesellschaftliche Minderheit; denn Ortsgemeinde bringt in ihrer Heterogenität die Pluralität des Leibes Christi schöpferisch zum Ausdruck. (M.Welker). Das Pfarramt ist insofern alles andere als praxislos oder binnenorientiert, wenn es sich auf seine ureigensten Aufgaben der Verkündigung im Gottesdienst, auf den christlichen Unterricht und die Seelsorge in der Gemeinde bezieht. (ebenda, S.261) |
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