Bericht zur Mitgliederversammlung des Pfarrvereins am 21. Mai 2007
C. Kritik am EKD-Impulspapier
Diese drei Wittenberger Redebeiträge haben mich schon direkt zur Kritik am Impulspapier geführt. Aus der Fülle möglicher weiterer Kritikpunkte möchte ich nur vier m.E. wesentliche Aspekte herausgreifen: das ökonomische Denken, der Kirchen-, Freiheits- und Gemeindebegriff sowie das Pastorenbild des EKD-Papiers.
1. Kritikpunkt: Die betriebswirtschaftliche Perspektive des Impulspapiers
Die oft kritisierte betriebswirtschaftliche Sicht des Impuls-Papiers ist - und diese Aussage wird Sie überraschen- grundsätzlich zu begrüßen; denn Kirche als Organisation hat ihre finanziellen Rahmenbedingungen verantwortlich zu bedenken, freilich ohne zu vergessen, dass Kirche auch in ihrer ‚weltlichen' Organisationsgestalt dem Evangelium entsprechen muss. Dieses seit Barmen anerkannte Entsprechungsverhältnis zwischen Evangeliumsbotschaft und Kirchengestalt muss z.B. dazu führen, dass kirchliches Basishandeln in Verkündigung, Seelsorge, Unterweisung und Diakonie prinzipiell frei bleibt von jeder direkten monetären Beziehung; denn der Bezug des Gemeindegliedes zu seiner Kirche darf niemals zu einer „Marktbeziehung" absinken, obwohl natürlich jeder weiß, dass kirchliches Handeln auch finanziert werden muss. Von daher sollten Pfarrstellen auch grundsätzlich durch die Kirchensteuer finanziert und direkt eingeworbene Mittel für andere Personal- oder Sachkosten verwendet werden.
Dass Gemeindeglieder diese strikte Trennung von Evangeliumsverkündigung und Geldeinforderung sehr wohl verlangen, lehrte mich erst kürzlich wieder eine hochbetagte Rentnerin: Sie beschwerte sich heftig über einen Pastoren, der nach ihrem Eindruck im Anschluss an die Heimandacht jedes Mal ganz erpicht darauf sei, dass nur ja genug Geld auf dem Kollektenteller lande. Diese grundsätzliche kirchliche Distanz zum Monetären berücksichtigt das EKD-Impulspapier mehr inituitiv als reflexiv, indem es z.B. für den Erhalt der zahlreichen, unter betriebswirtschaftlichem Aspekt nicht mehr haltbaren Kirchengebäude sowie für den Verbleib von "Gottesdienstkernen" in den Kapellen und Kirchen auch der kleinsten Orte eintritt.
Doch eingehend reflektiert das EKD-Papier Grundsätze und Grenzen ökonomischen Denkens für kirchliches Handeln gerade nicht. Darum ist m.E. nicht ein "Zuviel", sondern vielmehr ein "Zuwenig" an Ökonomie in dem Papier zu kritisieren. Denn von moderner Betriebswirtschaft ist Entscheidendes zu lernen wie:
Finanz-Transparenz
Die Transparenz des kirchlichen Finanzsystem erfordert zwingend, alle Einnahmen und Ausgaben nachvollziehbar darzustellen. Es ist darum nicht hinnehmbar, wenn das EKD-Papier auf S. 24 lediglich die Einnahmen der Kirchensteuer von ca. 4 Mrd. € benennt, aber die ca. 6 Mrd. € an weiteren Einnahmen der EKD-Landeskirchen verschweigt oder die Ausgaben von 1,5 Mrd. € für 20.300 PastorInnen sorgenvoll erwähnt, die dreifache Summe von 4,5 Mrd. € Personalausgaben für 233.000 MitarbeiterInnen einfach ausblendet oder mit Hinweis auf die zu 80% fremd-finanzierten KindergärtnerInnen den Trugschluss nahelegt, große Gruppen der MitarbeiterInnen seien fremd-finanziert. Andererseits bleibt unerwähnt, dass erhebliche Teile pastoraler Personalkosten nicht aus der Kirchensteuer bezahlt werden: in Hannover 29%.
Sparsamkeit
Strenge Sparsamkeit ist Voraussetzung jedes ökonomisch verantwortlichen Umgangs mit anvertrautem betrieblichen Geld. Jedes Jahr 3 Mio. € (den Geldwert von 45 Pfarrstellen) allein für die einfache Themen-Erarbeitung ausgeben zu wollen, bedeutet keinen verantwortlichen Umgang mit den knappen kirchlichen Finanzmitteln. Zudem würde wirklich unabhängige Rechnungsprüfung sehr wahrscheinlich ein erhebliches Einsparungspotential aufdecken.
Ausgaben-Gewichtung
- Die ernsthafte betriebswirtschaftliche Gewichtung aller Ausgaben müsste aufgrund des kirchlichen Auftrages und des eindeutig erkennbaren Stiftungswillens der Kirchensteuerzahler gemeindlich-pastorale Arbeit als kirchliche Hauptaufgabe identifizieren und hierfür die Hauptausgaben verwenden - und nicht wie bisher lediglich 15% der landeskirchlichen Einnahmen von insgesamt ca. 10 Mrd. Euro. Hier müsste eine Kirchenleitung, die von der Schlüsselfunktion der PfarrerInnenschaft überzeugt ist, kräftig gegensteuern und könnte sich dabei auf die überwiegende Mehrheit der Kirchenglieder und Kirchensteuerzahler stützen, die ihre Kirchenmitgliedschaft vorrangig mit der Erwartung pastoraler Arbeit begründen, wie die EKD-Kirchenmitgliedschaftsuntersuchen eindeutig belegen.
- Zur korrekten betriebswirtschaftlichen Ausgaben-Gewichtung gehört es auch, endlich die vor etwa 10 Jahren von der Kirchenleitung erfundene und nun auch im EKD-Papier penetrant wiederholte polemische Zuordnung von gestiegener Pastorenzahl zur verringerten Kirchenmitgliederzahl (s. z.B. S. 28, 72, 74) aufzugeben, weil dadurch mehrere Sachverhalte verzerrt werden:
- Es ist soziologisch unzulässig, für einen so komplexen sozialen Vorgang wie z.B. die Entwicklung der Kirchenzugehörigkeit nur eine Ursache zu unterstellen. (Sonst könnte man auch einmal umgekehrt fragen, wieviele Kirchenglieder wohl noch zusätzlich ausgetreten wären, hätte sich die Zahl der PastorInnen nicht derart erhöht.)
- Dabei lassen sich für die hannoversche Landeskirche für die letzten 50 Jahre (1954 -2004) interessante Zahlenverhältnisse benennen, die vermutlich auch für andere Landeskirchen in der EKD tendentiell gilt das die Zahl der Kirchenglieder ist von 3,9 Mio. auf 3,1 Mio, dh um 20,5% gesunken ist. Die Zahl der Gemeindepfarrstellen liegt heute leicht unter dem Stand von 1954, die Zahl der übergemeindlichen Pfarrstellen ist um 300% gestiegen. Die Personenzahl der MitarbeiterInnen ist um 600% gestiegen, im Bereich der MitarbeiterInnen-Vollzeit-Stellen beträgt die Steigerung über 400%.
- Darum sind doch wohl zunächst einmal die extreme Zahlenerhöhung übergemeindlicher Pfarrstellen, insbesondere aber der atemberaubende Anstieg von Mitarbeiterstellen als folgenlos für den Kirchengliederstand zu bezeichnen.
- Erst danach wäre zu fragen, warum die Zahl der Gemeindepfarrstellen nicht parallel zur Zahl der Kirchenglieder um 20,5 % gesunken ist. Dieser vergleichsweise bescheidene „Anstieg" könnte allerdings mühelos mit den gestiegenen Anforderung an pastorale Gemeindearbeit in den vergangenen fünfzig Jahren erklärt werden.
- Pikanterweise beklagt das EKD-Impuls-Papier - vermutlich auch mit pastoren-kritischer Absicht - den Rückgang der Kasualien in den Jahre von 1991-2003. Doch hier kann man nun "den Spieß" einmal ‚umdrehen': Denn dies ist nahezu exakt der Zeitraum, in dem die meisten Gemeinde-Pfarrstellen gestrichen worden sind.
Kosten-Nutzen-Analyse
Jede seriöse Betriebswirtschaft hätte längst eine kritische Kosten-Nutzen-Analyse aller gegenwärtig so beliebten Neuerungen wie Fundraising, Stiftungen, Innovationsprojekte, Beratungsmodelle u.a.m. durchgeführt und dabei z.B. in aller Deutlichkeit das Scheitern des vor Jahren hochgelobten betriebswirtschaftlich inspirierten McKinsey-München-Projektes von Dr. Peter Barrenstein zu Protokoll gegeben. Stattdessen berät Dr. Barrenstein als Mitglied der Perspektivkommission die EKD und räsonniert medienwirksam über ein angebliches Chaos bei den Kasualien.
Verwaltungsreduktion
Die betriebswirtschaftlich dringend notwendige erhebliche Reduktion der Verwaltung und anderer kirchlich sekundärer Bereiche wird im EKD-Papier kaum angedacht, obwohl hier dringender Handlungsbedarf besteht. Es ist geradezu ein betriebwirtschaftlicher Offenbarungseid, wenn das EKD-Papier auf Seite 26 erklärt: "Zu wenig ist bisher bekannt über die wirklich notwendigen Kosten kirchlicher Leitungsstrukturen, der Verwaltungen wie der vielfältigen Beratungs- und Unterstützungssysteme." Bis heute warten wir im kirchlichen Bereich darum vergeblich auf die in Gesellschaft und Staat längst eingebrachte Rationalisierungsdividende in der Verwaltung.
Doch stattdessen kam es zu einer weiteren Aufblähung kirchlicher Verwaltung. In der hannoverschen Landeskirche entzog die Verwaltung durch selbstentwickelte Arbeitseinheiten sehr geschickt ihre Tätigkeit jeder objektiven Überprüfung z.B. an der Gemeindeglieder- oder Pfarrstellenzahl. So sank z.B. innerhalb der letzten dreißig Jahre in einem Kirchenkreis unserer Landeskirche die Gemeindegliederzahl um 17%, die Pfarrstellenzahl um 35%, die Verwaltungsstellenzahl um 0%. Die Mitarbeiterzahl erhöhte sich um 10%. Obwohl die Zahl unserer Mitarbeiterstellen vom Jahre 2004 eigentlich zukünftig um ein Drittel abgesenkt werden soll, ist nach Angaben des LKA die Zahl der MitarbeiterInnen erneut um 1.600, von 28.200 auf 29.800 gestiegen, mit schlimmen Folgen für die PastorInnenschaft.
Da in der hannoverschen Landeskirche die meisten MitarbeiterInnen tarifrechtlich nicht kündbar sind, droht in der nächsten Sparrunde ab 2009 eine weitere dramatische Streichung der Pfarrstellen. (Unsere hannoversche Pfarrvertretung hat Kenntnis von einem Kirchenkreis, der 430.000 € zusätzlich kürzen soll, im MitarbeiterInnen-Bereich aber nur 30.000 € eingesparen kann. Damit wären beim Pfarrdienst 400.000 € zu streichen. Dies wäre das Ende jeder verantwortlichen pastoralen Arbeit in diesem Kirchenkreis.)
Sehr interessant fand ich einen Vorschlag aus Wittenberg, in der Verwaltung mehr Ehrenamtliche einzusetzen. Wenn die Kirchenleitung es wagen will, einen Teil der extrem anspruchsvollen pastoralen Arbeit vielen Ehrenamtlichen anzuvertrauen, um wieviel leichter wird es ihr dann fallen, die wesentlich einfachere Verwaltungsarbeit Ehrenamtlichen zuzuweisen, von denen ja etliche sogar eigene berufliche Verwaltungserfahrungen einbringen.
Reichweitenbegrenzung
Die zeitliche und sachliche Grenze jeder betriebswirtschaftlichen Überlegung:
- Es ist nahezu eine Hybris, für einen 25-jährigen Zeitraum eine valide Finanzprognose abgeben zu wollen. Spöttisch könnte man sagen: Angesichts der bis zumindest 2008 sprudelnden Kirchensteuermehreinnahmen muss sich die EKD-Geld-Krise schon sehr beeilen, wenn sie bis 2030 die EKD-Finanzen halbiert haben soll. Gegenwärtig - so die SZ vom Wochende - beeilen sich die EKD-Experten, uns zu versichern, dieser Kirchensteueranstieg sei nur vorübergehend; langfristig bleibe alles bei ihren Vorhersagen. Betriebswirtschaft viel verantwortlicher wäre darum ein 10-Jahres-Rahmen für die Finanzplanungen.
- Noch stärker ist jedoch die begrenzte sachliche Reichweite betriebswirtschaft-licher Bemühung in der Kirche zu beachten. Die Diplom-Ökonomin Anna Stöber legt in ihrer vergleichenden betriebswirtschaftlichen und soziologischen Untersuchung der evangelischen Advent-Zachäus-Gemeinde in Berlin überzeugend dar (s. Dt. Pfarrerblatt 2/2006, S.74-78), dass die auf Angebotszentralisierung, Stabsstellenerrichtung und standardisierte Mitarbeiterförderung fixierte betriebswirtschaftliche Beratung in der Kirche gerade die primäre Aufgabe der Kirchengemeinden übersieht, durch direkte, persönliche Kommunikation Vertrauensbeziehungen in der Gemeinde aufzubauen und damit auch individuelles Engagement zu ermöglichen. Anna Stöber empfiehlt darum den Kirchengemeinden dringend, statt der betriebwirtschaftlich vorgeschlagenen Zentralisierung der Angebote durch Stabsstellen und der Degenerierung der Gemeinden zu Kirchenfilialen durch Gemeindefusionen religiöse Komponenten zu betonen und zur Förderung von Gemeinschaft in jeder Hinsicht auf Interaktion zu setzen.
Da "Interaktion die Zeit sei, die sie dauert" und "ihre Leistung sie selbst", dürften gerade im gemeindlichen Bereich hauptamtliche Mitarbeitende nicht weiter reduziert werden. Vielmehr müsse der Anteil der formalen Organisiation der Kirche reduziert und auf keinen Fall kirchengemeindliche Aufgaben auf bezahlte Stabsstellen übertragen werden. Die Institution Kirche müsse sich dagegen als Dienstleister der Kirchengemeinden verstehen und es dürfe keine kirchliche Dienstleitung mehr ohne den Weg über die Kirchengemeinde geben.
Anna Stöber kritisiert die betriebswirtschaftliche Beratung in der Kirche, vor allem das sog. Ev. Münchenprogramm McKinseys, in mehrfacher Hinsicht:
- Die Fixkosten würden nachweislich vermehrt,
- der formale Organisationsgrad zulasten von Interaktion und Gemeinschaft erhöht,
- die Spenden- und Stiftungsfinanzierung gefährde das pauschale Kirchensteuersystem und die Stabilisierung der Kirchengemeinde: niemand zahle auf Dauer doppelt und die kirchliche Gemeinschaft beruhe stark auf persönlichen Beziehungen, „die gerade durch ihre „Nicht-Monetarität" wirken: Der Pfarrer wird geschätzt, weil er unbezahlt kommt (er bekommt zwar auch ein Gehalt, wann er aber was zu tun hat, und wann und wo er jemanden zu besuchen hat, kann ihm bislang niemand vorschreiben. Das Gemeindeglied engagiert sich, weil es eben nicht dazu verpflichtet werden kann. Der kranke Mensch freut sich, weil man ihm freiwillig (im Sinne von unentgeltlich) Zeit geschenkt hat." (ebenda S.78).
- Grundsätzlich übersehe die reine Betriebswirtschaft den wichtigsten „Wettbewerbsvorteil" der Kirchengemeinden, „eine der letzten Stätten leistungsunabhängigen Engagements und persönlicher Entwicklung (zu) bleiben - zum Wohle ihrer Mitglieder wie zu ihrem eigenen institutionellen Fortbestand. (eb. S.78)
Es ist schon sehr erstaunlich das diese einfachen betriebswirtschaftlichen Grundsätze wie
- Finanz-Transparenz,
- Sparsamkeit,
- Ausgaben-Gewichtung,
- Kosten-Nutzen-Analyse,
- Verwaltungsreduktion,
- Reichweitenbegrenzung,
die in jedem ordentlichen Betrieb und jeder gut beratenen Organisation längst eingehalten werden, in einem zentralen Papier der EKD nicht einmal ansatzweise zur Geltung kommen, stattdessen aber aufwendige EKD-Verwaltungszentren gefordert werden.
| zurück zur letzten Seite | zur nächsten Seite |
