Bericht zur Mitgliederversammlung des Pfarrvereins am 21. Mai 2007

B. Zustimmung zum Impulspapier:

1) Ein diskussionswürdiges Konzept

Es ist ohne jeden Zweifel sehr verdienstvoll, dass das Impulspapier die bisherige kirchliche Zukunftsdiskussion auf 100 Seiten bündelt und dabei zwölf Handlungsziele formuliert, die wir nun eigenständig erörtern können.Und die umfassende und vielschichtige Diskussion zeigt, dass hier offensichtlich ein Kairos, ein richtiger Zeitpunkt, ergriffen wurde.

Sehr bedauerlich war nur, dass dies alles ganz unevangelisch unter bewusstem Ausschluss der Gemeinden, Kirchenvorständen, PfarrerInnen, theologischen Fakultäten und Synoden in einem eher römisch-katholischen Dirigismus und Top-Down-Model geschah, wie eine konsequente Missachtung des sonst so hochgeschätzten "Priestertums aller Getauften"!

Und dies ist vor allem darum so gefährlich, weil die Verfasser des EKD-Papiers dieses als einen produktiv-anstößigen "Verbrauchstext" (OK Dr. Latzel, EKD) verstehen und sich daher beharrlich weigern, seine offensichtlichen Fehler und Versäumnisse zu beheben. So kann nun dieser teilweise höchst problematische Text an der Mehrheit der Kirchenglieder und ihrer VertreterInnen vorbei immer weiter seine Wirkung entfalten und zu gemeindefeindlicher Kirchenpolitik kräftig beitragen.

 

2.) Nahezu uneingeschränkt Zustimmungsfähiges im EKD-Papier Trotz dieser problematischen Entstehung halte ich Folgendes für zustimmungsfähig:

  • die Wiederentdeckung der Schlüssel- und Leitungsfunktion des Pfarramtes, die auf die seit Jahrzehnten immer wieder demoskopisch bestätigte zentrale Bedeutung pastoraler Arbeit für Gemeinden und Gesellschaft reagiert;
  • die unterproportionale Pfarrstellenkürzung bis 2030, wobei vorrangig Gemeindepfarrstellen erhalten werden sollten,
  • die Anerkennung der hohen Bedeutung der Kasualien als konstitutiv für kirchliche Bindung und Beheimatung, vor allem für die 70-80% gemeindetreuen Distanzierten;
  • die "Good-Practice"- Modelle als nachahmenswerte Beispiele kirchlichen Handelns statt immer wieder neuer theoretischer Vorgaben und konsistorialer Setzungen,
  • die im Protestantismus oft ausgeblendete Erkenntnis von der sozialen und theologischen Notwendigkeit kirchlicher Organisation, die allerdings der Ortsgemeinde dienen muss, ganz im Sinne der IV. Barmer These: "Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes".


3.) Nur eingeschränkt Zustimmungsfähiges

 

a)

Nur für begrenzt zustimmungsfähig halte ich die auf den ersten Blick mutige Wachstumsperspektive, die den bisherigen, oft auch kirchenleitenden Defaitismus ersetzt. Denn ich höre die Kritik von Isolde Karle und Detlef Pollack, die dringend davor warnen, sich zuviel zuzumuten und damit vielleicht schon bis 2017 nur heillose Resignation zu erzeugen. Beide sehen z. B. keine Wiederkehr der Religion, keine signifikante Änderung im allgemeinen Distanzverhalten zur ev. Kirche. Beide raten deshalb dringend zu einer realistischen Einschätzung der kirchlichen Handlungsmögichkeiten, zum Mut zu kleinen, überschaubaren Veränderungen.

So mahnt der Soziologieprofessor Detlef Pollack aus Frankfurt/Oder in seinem Statement zum Wittenberger Zukunftskongress:

"Woher nehmen die Verfasser des Papiers die Hoffnung, dass es durch einen Kurswechsel besser wird als bisher?..Vielleicht ist es in der gegenwärtigen Situation ja verheißungsvoller, nicht auf Profilierung, Konzentration, Strukturwandel und Außenorientierung, sondern auf Diffusion, Entspezifizierung, Strukturerhaltung und Selbstbehauptung zu setzen? Angesichts komplexer und differenzierter werdender gesellschaftlicher Verhältnisse ist es ebenso wichtig, ein unterscheidbares Profil auszubilden wie mannigfaltige Anknüpfungspunkte zur Gesellschaft herzustellen, das, was es an überlieferten Arbeitsformen gibt, zu erhalten, sich nach außen zu wenden wie nach innen und die eigenen Arbeitsformen zu reflektieren, zu kontrollieren und zu optimieren." (Wittenberger Redebeiträge, S.58)

Ähnlich argumentiert die Theologieprofessorin Karle, wenn sie in ihrem Statement in Wittenberg feststellt:

"Das Papier ist durch ein ausgeprägtes Veränderungspathos nicht in der Lage, das Bewährte ausreichend zu würdigen und darüber hinaus realistische Zielangaben zu machen. Die letzte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung bestätigt, dass in der Kirche vieles gut läuft. Überdies sind bei jeder angestrebten Reform auch paradoxe Effekte zu erwarten. Deshalb sind Behutsamkeit und Umsicht gefragt. Nicht behutsam ist es zu nennen, wenn eine seit 2000 Jahren bewährte Gemeindestruktur radikal umgebaut werden soll und mit dem Versuch, die Zahl der Ortsgemeinden von 80 auf 50% drastisch zu reduzieren und dafür diffuse Netzwerkgemeinden von 5 auf 25% zu steigern, Modernsisierungsvorstellungen der 1970er Jahre, die sich aus gutem Grund nicht umsetzen ließen, nun doch noch realisiert werden sollen. Die Kirche lebt als Leib Christi zentral von den vielen überschaubaren personalen Gemeinschaften vor Ort und von der Vertrautheit von Gesichtern und Räumen, die nachgewiesenermaßen die Bindung an die Kirche am nachhaltigsten stärken."

Das mangelnde Bewusstsein für die Geschichte der Kirche Jesu Christi zeigt sich im Übrigen auch daran, dass modischen Trends ungebührlich viel Bedeutung zugeschrieben wird. So wichtig die Citykirchenarbeit ist, so wenig ist absehbar, wie sich der Citykirchenboom in 25 Jahren darstellen wird oder ob nicht schon demnächst ein Sättigungsgrad im Hinblick auf seine Möglichkeiten erreicht ist." (ebenda, S.27)

 

b)

Ich denke etwas von dieser realistischen Skepsis hat auch Synodale vor zwei Wochen bewogen, die Fusionsbemühungen zwischen der Kirchenprovinz Sachsen und Thüringen zu beenden. Und damit komme ich zu meiner 2. begrenzten Zustimmung, die ich bei Ihnen nur sehr zögerlich vortrage: den Zusammenschluss der bisherigen 23 zu etwa acht bis zwölf Landeskirchen bei Wahrung der gewachsenen landeskirchlichen Identitäten.

Ihre gescheiterten Fusionserfahrungen machen mich auch hier skeptischer. Die Misserfolgsgeschichte von wirtschaftlichen Fusionen bestärkt mich in dieser Haltung. Die renommierte Unternehmensberatung Ernst & Young hat nachgewiesen, dass im Zeitraum von 1950 bis 2000 62% aller Zusammenschlüsse von Unternehmen scheiterten oder Werte vernichteten.

Wenn also jemand in den Landeskirchen fusionieren will, muss er erst einmal nachvollziehbar belegen, dass er wirklich Geld sparen und gleichzeitig kirchliches Wirken verbessern kann. Viel näher liegen doch da kostensparende Kooperationen.

 

c)

Meine dritte begrenzte Zustimmung gilt der zupackenden und oft auch anrührenden Sprache des EKD-Papiers mit ihren oft überraschend neuen Formulierungen. Ich muss gestehen, erst die Sozialwissenschaftlerin und PR-Expertin Annette Pawelitzki öffnet mir mit ihrem Statement in Wittenberg (s. ebenda, S.56) die Augen für die Abgründe dieser Sprache, von der sie schreibt:

"Gestört hat mich auch Vieles. Ganz besonders die Sprache aus dem Werbemanagement, die sich im ganzen Papier durchhält. Das liest sich zuerst eingängig und erst nach einer Weile wird man oder Frau skeptisch. Diese Sprache, die übrigens in vielen Disziplinen längst wieder abgelegt wird, betrachtet Menschen vornehmlich als Funktion, und eben gerade nicht als ganze Menschen. Schnell wird der Eindruck vermittelt, dass, wenn wir uns alle nur richtig anstrengen würden, wir Gottes innovative Kirche errichten könnten. Diese Machbarkeit (ich habe überhaupt nichts dagegen, dass alle ihr Bestes geben) (A. Pawelitzki gehört zur Kirchen-leitung Nordelbiens) orientiert sich nur an Effektivität und Qualität, Menschen werden nur noch definiert über das, was sie leisten. Nicht von ungefähr ist es dann so, dass viele Kapitel des Impulspapiers mit einer vehementen Abwertung dessen, was ist, beginnen... Diese Sprache ist eben plakativ, dafür wurde sie entwickelt, für Plakate. Ich bin Sozialwissenschaftlerin und komme aus dem PR-Bereich, arbeite also auch mit dieser Sprache für Anzeigen, Werbung etc., bin mir aber ihrer Begrenztheit und ihrer Verführung bewusst. Jede Sprache schafft Wirklichkeit...Diese Sprache taugt nicht für das Selbstverständnis der EKD."

 

 

 

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