Bericht zur Mitgliederversammlung des Pfarrvereins am 21. Mai 2007

Referat zum EKD-Impulspapier

"Kirche der Freiheit - Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert"

auf dem Thüringer Pfarrertag vom 9. Mai 2007 in Jena


Liebe Kolleginnen und Kollegen,
werte Schwestern und Brüder im Pfarramt,
dem wichtigsten Amt, das unsere Kirche zu vergeben hat.

Ich freue mich sehr, dass ich heute bei Ihnen auf Ihrem Thüringer Pfarrertag sein darf. Aus mehreren Gründen komme ich besonders gern nach Thüringen:

  1. 1956 habe ich als 16-jähriger Schüler mit einer Jugendgruppe die thüringische Heimat meines Jugenddiakons Günther Reumschüssel in Floh, Springstille und Zella Mehlis mit einem Passionsspiel besucht und auf dieser „Sendfahrt" die herzliche Gastfreundschaft der Thüringer Gemeindeglieder genossen.
  2. Seit 1990 konnte ich durch die regelmäßigen Besuche meiner Frau in ihrer Nachkriegheimat Krölpa, Dobian und Pößneck meine guten Erinnerungen an Thüringen und seine liebenswürdigen Menschen wieder auffrischen.
  3. 2002 habe ich dann im Rahmen der Pfarrgesamtvertretung der VEKLD Ihren sehr engagierten und kompetenten Pfarrvereinsvorsitzenden Pfarrer Martin Michaelis kennen und schätzen gelernt. Seit dieser Zeit bin ich sehr neugierig auf Ihre mutige und wirkungsvolle Pfarrvertretungsarbeit im Kernland unserer lutherischen Reformation.
  4. Doch nicht zuletzt freue ich mich an diesem Tage, dass Sie sich heute mit dem EKD-Impulspapier und seiner Sicht auf die Zukunft unserer Kirche bis zum Jahre 2030 auseinandersetzen. Die zukünftige Gestaltung unserer Kirche hat Ihre Aufmerksamkeit auch wirklich verdient! Darum möchte ich heute aus gemeindlich-pastoraler Sicht in vier Schritten: Einführung, Zustimmung, Kritik und Weiterarbeit das EKD-Papier kritisch würdigen.

 

 

A. Einführung

a)

Das von einer 12-köpfigen Perspektiv-Kommission des Rates der EKD ohne Mitwirkung von Theologieprofessoren, Pfarrern oder kirchlichen Mitarbeitern erstellte Impulspapier entzündet sich und seine "12 Leuchtfeuer" an 2 elementaren zukünftigen Herausforderungen:

 
  • Bis 2030 verringere sich die EKD-Mitglieder-Zahl durch demographische Entwicklung und Austritte vermutlich um ein Drittel.
  • Bis 2030 würden Austritte, demographische Entwicklung, Arbeitslosigkeit und Steuerverlagerung die finanzielle Leistungskraft der EKD-Kirchen halbieren.
 

Auf diese Entwicklung müsse die kirchliche Organisation mit vier Strategien antworten:

  1. Geistliche Profilierung statt undeutlicher Aktivität. Wo evangelisch draufsteht, muss Evangelium erfahrbar sein.
  2. Schwerpunktsetzung statt Vollständigkeit. Kirchliches Wirken muss nicht überall vorhanden sein, wohl aber überall sichtbar.
  3. Beweglichkeit in Formen statt Klammern an Strukturen. Nicht überall muss alles auf dieselbe Weise geschehen.
  4. Außenorientierung statt Selbstgenügsamkeit. Auch der Fremde soll Gottes Güte erfahren können, auch der Ferne gehört zu Christus.

Mit Hilfe dieser Strategie, die jeden kirchlichen Arbeitszweig auf seine Zukunftsfähigkeit befragt, solle eine Trendwende in der ev. Kirche eingeleitet werden, die wieder attraktiv für andere werde, damit der Glaube auch an die nächste Generation weitergegeben wird.Die Trendwende solle durch einen Mentalitätswandel der Mitarbeitenden zustande kommen, die nicht mehr depressiv vergangenen Arbeitsfeldern nachtrauern, sondern sich zu einer zukunftsfähigen Sicht ermutigen.

Dabei stützen sich die EKD-Autoren auf eine von ihnen behauptete "Wiederkehr der Religion" und führen bisherige landeskirchliche Reformtendenzen zu den fünf Leitmotiven fort :

  • Organisation verbessern
  • Kernkompetenzen definieren
  • Mission intensivieren
  • Stärken aktivieren
  • und Lernen von wirtschaftlichem Denken

 

 

b)

Die sogenannten 12 Leuchtfeuer - der Höhe- und Zielpunkt des EKD-Papiers

Diese grundsätzlichen Überlegungen zur organisatorischen Neugestaltung der Evangelischen Kirche werden nun konkretisiert durch zwölf kirchliche Handlungsziele für das Jahr 2030, die im Bereich der Kernangebote (Leuchtfeuer 1-3), der Mitarbeitenden (Leuchtfeuer 4-6), des kirchlichen Welthandelns (Leuchtfeuer 7-9) und der kirchlichen Selbstorganisation (Leuchtfeuer 10-12) den Mentalitätswechsel und Aufbruch bewirken sollen.
Entwickelt werden die Handlungsziele in dem für betriebswirtschaftliches Denken typischen Dreischritt von Schwachstellenanalyse, Optimierungsvorschlägen u. Zielvereinbarungen.

 

Beim ersten Leuchtfeuer (S. 49-52) soll die Beheimatungskraft der Kirche als Glaubensheimat und zuverlässige Lebensbegleitung durch ein erhöhtes Qualitätssniveau der geistlichen und seelsorgerlichen Kernvollzüge gesteigert werden.

Als Schwachstellen werden zu geringe Identifizierung der Mitarbeitenden, namentlich der PfarrerInnen, mit ihrer kirchlichen Institution und mangelnde Qualität evangelischer Kernangebote wie Gottesdienste und Kasualien genannt, als Optimierung vor allem die Entwicklung von Qualitätsstandards für Kernvollzüge, die bessere Wahrnehmung der großen volkskirchlichen Gruppen der kirchentreuen Distanzierten und der teilnahmebereiten Ausgetretenen vorgeschlagen und als verbindliche Ziele die deutliche Erhöhung der Teilnehmerzahl an kirchlichen Kernangeboten auf 50% verabredet: statt 4% sollten 10% der Gemeindeglieder am Gottesdienst teilnehmen; alle verstorbenen ev. ChristInnen sollten ev. bestattet, alle Kinder ev. getaufter Eltern ev. getauft, 100% aller ev. Verheirateten ev. getraut werden. 2030 sollte wie bisher 31,3 % der Bevölkerung der ev. Kirche angehören.

 

Das zweite Leuchtfeuer gilt der Vielfalt der Gemeindeformen (S.53-57)
Als Schwachstelle wird die Parochialgemeinde ausgemacht: Sie sei mit ihrer vereinsmäßigen Ausrichtung deutlich milieuverengt und ohne missionarische Öffnung. Zur Optimierung wird neben einer stärkeren Außenorientierung der Ortsgemeinden deren Ergänzung durch Profilgemeinden mit verschiedenen Schwerpunkten, durch netzwerkorientierte Gemeinden (Tourismusseelsorge, Krankenhausseelsorge, Ev. Akademien, Bundeswehr, Citykirchen, Kirchentage, Gospelfestivals) und Regionalkirchen für die angeblich wachsende Zahl von Menschen vorgeschlagen, die vor allem „Kirche bei Gelegenheit" suchten.

Als verbindliche Ziele sollen die deutliche Verringerung der Ortsgemeinden von bisher 80% auf 50%, und die Verdoppelung der Profilgemeinden von bisher 15% auf 25% sowie die Verfünfachung der netzwerkorientierten Gemeinden von bisher 5% auf ebenfalls 25% verabredet werden.

 

Das 3. Leuchtfeuer (S.59-61) möchte angesichts der zu erwartenden kirchlichen Ausdünnung in der Fläche in jeder Region eine ausstrahlungsstarke Haupt- und Regionalkirche schaffen.

 

Das 4. Leuchtfeuer (S.63-65) wünscht sich leistungsfähige, leistungsbereite, qualitätsbewusste, mit den kirchlichen Grundaufgaben sich identifizierende, kirchlich anerkannte und daher zufriedene MitarbeiterInnen. Die zukünftige Gewichtung der kirchlichen Berufsgruppen müsse sich an ihrer missionarischen Ausstrahlung orientieren. 5% der Personalkosten seien für Fort-u. Weiterbildung aufzuwenden.

 

Unter Hinweis auf das Priestertum aller Getauften schlägt das 5. Leuchtfeuer (S.67-69) vor, in jeder Gemeinde neben einer PfarrerIn eine PrädikantIn und eine LektorIn einzusetzen und jede PfarrerIn ein Netzwerk von Ehrenamtlichen für Gottesdienstkerne und Grundformen seelsorgerlicher Betreuung in pastoral nicht mehr versorgten Orten leiten zu lassen.

 

Nach dem 6. Leuchtfeuer (S.71-75) haben PfarrerInnen den attraktiven, anspruchsvollen, angemessen finanzierten und hinreichend flexibilisierten Schlüsselberuf der ev. Kirche inne; sie sind leitende geistliche Mitarbeitende mit den Schlüsselkompetenzen: theologische Urteilsfähigkeit, geistliche Präsenz, seelsorgerliches Einfühlungsvermögen, kommunikative Kompetenz, Teamfähigkeit, Leistungsbereitschaft, Gefühl für Qualitätsniveau und Verantwortung für die ganze Kirche mit der Selbstverständlichkeit beständiger Fortbildung. (Die Verkündigungskompetenz wird hier nicht genannt, wie dann bei der folgenden Pfarramtsbeschreibung die Seelsorge fehlt!)

Als Schwachstellen werden festgestellt: Die gestiegene Pfarrerzahl habe nicht zu stabileren Kirchenglieder-Zahlen geführt; die pastorale Amtsautorität sei geschwunden, die PfarrerInnen lebten selbstbezüglich auf das eigene Gewissen und auf die Kerngemeinde bezogen, statt die ganze Kirche im Blick zu halten; der "Schlüsselberuf der ev. Kirche stecke weithin in einer geistlichen und mentalen Orientierungskrise".

Als Optimierung wird vorgeschlagen: durch Aus- Fort- u. Weiterbildung sollen PfarrerInen vor allem in vier Kompetenzfeldern gestärkt werden:

  1. theologische wie seelsorgerliche Amtshandlungskompetenz
  2. missionarische Innovationskompetenz beim Umgang mit den kirchlich Distanzierten
  3. gabenorientierte Motivations- und Qualifikationskompetenz zur Motivierung von Ehrenamtlichen
  4. geistliche Führungskompetenz zur Leitung von ehren- und hauptamtlichen MitarbeiterInnen.

Im Falle einer Stabilisierung des Mitgliederstandes bei einem 31.3%- Anteil an der Bevölkerung durch die gewachsene missionarischer Kompetenz der PastorInnen könnte als Ziel die Finanzierung von 16.500 PfarrerInnen vereinbart werden. Dies entspräche einer Pfarrerdichte von einer PfarrerIn zu 1.600 Gemeindeglieder, wobei es in den einzelnen Regionen zu einer erheblichen Variationsbreite kommen könnte. Durch Stiftungen könnten zusätzliche Pfarrstellen finanziert werden. 5% der Personalkosten sollen auf Fort- und Weiterbildung entfallen.

Das 7. Leuchtfeuer (S.77-80) beschreibt die ev. Bildung als eines der wichtigsten Arbeits-felder der Kirche im Jahre 2030. Kinder, Jugendliche und Erwachsene sollten in den ev. Glaubensüberlieferungen beheimatet werden und die Fähigkeit zum Dialog mit anderen Religionen und Weltanschauungen erwerben. Deshalb sollen 90% der Kinder eines Jahrganges mit den 12 wichtigsten biblischen Geschichten, Liedern und Gebeten bekannt gemacht, mehr ev. Schulen gegründet und regelmäßige kirchenleitende Kontakte zu Multiplikatoren, zur Elite sowie zu herausragenden Nachwuchskräften gesucht werden.

Das 8. Leuchtfeuer (S.81-83) verlangt für die Diakonie eine stärkere ev. Profilierung, eine bessere Beziehung zur verfassten Kirche, eine deutlichere Absicherung der sozialanwaltlichen Funktion für Menschenwürde, Menschenrechte, Gerechtigkeit, nachhaltige Entwicklung, Gewaltfreiheit und Frieden.

Das 9. Leuchtfeuer (S.85-87) schlägt eine "Themenagenda" für die gesamte EKD vor. In jedem Jahr solle mit einem Kostenaufwand von 3 Mio. € ein bestimmtes Thema (vorzugsweise aus der "ev. Skyline" wie Paul Gerhardt-Jahr, Luther-Bibel, Bach-Jahr) in einer „Aufwärtsagenda" öffentlich kommuniziert werden, ergänzt durch Zukunftskonferenzen, Wettbewerbe von 50 Missionsideen, Profilierung der 50 bedeutendsten protestantischen Kirchen, 100 Ideen zur Förderung von Kirchen-Gebäuden, einen Kulturpreis des deutschen Protestantismus, ein Briefpapier-Logo für die ev. Kirche, einheitliche Amtstracht und Mitgliederzeitung für die Mitgliederbindung als moderne "Kundenbindungsinstrumente".

Das 10. Leuchtfeuer (S.89-91) will durch Förder- und Kirchbauvereine, Stiftungen, Fundraising 20% Mehreinnahmen erschließen. 2030 sollten 60% aller Kirchenglieder (statt bisher) einen regelmäßigen Beitrag zur Finanzierung der Ev. Kirche leisten. Dazu sollte u.a. das freiwillige Kirchgeld gestärkt, eine Dachfinanzierung des deutschen Protestantismus für Fundraising-Projekte gegründet und regelmäßige Dankveranstaltungen für Großspender und bedeutende Kirchensteuerzahler durchgeführt werden.

Das 11. Leuchtfeuer (S.93-95) schlägt 8-12 fusionierte Landeskirchen vor, die sich an den größeren Bundesländern orientieren und nicht weniger als eine Million Mitglieder haben. Das erhöhe die Öffentlichkeitswirkung der ev. Kirche und gewährleiste die notwendigen landeskirchlichen Dienstleitungen wie regionale Repräsentanz des Protestantismus, Koordinierung gegenüber Staat und Gesellschaft, theologische Leitung und Einsatz von Mitarbeitenden, Sicherung von Aus-, Fort- u. Weiterbildung, Beratung und Finanzen.

Interessanterweise wird „Leitenden Geistlichen" ihr regionaler Arbeitsplatz garantiert.(s.S.94)
Neben der Bekenntnisbindung seien Zahl und Größe der Landeskirchen zunehmend eine "Zweckmäßigkeitsfrage", ein "weltlich Ding".

Das 12. Leuchtfeuer (S.97-100) beschreibt die Aufgaben der EKD: Repräsentanz des deutschen Protestantismus, Organisation der Abstimmungsprozesse, Formulierung gemein-samer Qualitätsstandards, gleiche juristisch-finanzielle Arbeitsbedingungen, 10 Kompetenz-Zentren (Gottesdienst, Theologie, Kirchenleitung, Fort- u. Weiterbildung, Weltanschauung, interreligiöser Dialog, Sozialethik, Konfirmanden- und Jugendarbeit, Mission, gesellschaftl. Multiplikatoren; Seelsorge fehlt!) und 5 verwaltungstechnische Dienstleistungszentren (Organisation, Steuer, Beihilfe (Besoldung), Fundraising, Meldewesen und Statistik).

Das EKD- Mitgliedschaftsbewusstsein müsse gestärkt werden z.B durch eine Online-Gemeinde und durch Symbolkirchen mit thematischen Schwerpunkten.

 

 

 

 

c)

Das EKD-Papier schlägt nun 4 Schritte zu seiner weiteren Erörterung vor:

 
  1. Diskussionsprozess und der Wittenberger Zukunftskongress:
  2. Reformcharta zum Mentalitätswandel in Form von Selbstverpflichtungen
  3. Themenagenda von 2007-2017 (für 3 Mio. €)
  4. Erarbeitung von verlässlichen Qualitätsstandards volkskirchlicher Kasualpraxis.

 

Phase 1 ist inzwischen mit großer Beteiligung abgeschlossen. Ein Materialband dokumentiert wichtige Stellungnahmen. Auch die 63 Statements der ca. 300 Kongressteilnehmer in Wittenberg stehen im Internet: besonders lesenswert die kritischen Beiträge von Bischof Knut, Nordelbien, Prof. Hermelink, Göttingen, Professorin Karle, Bochum, Prof. Pollack, Frankfurt/Oder u. der Sozialwissenschaftlerin Annette Pawelitzki. Die ebenfalls veröffentlichen Gruppenergebnisse aus Wittenberg wiederholen dagegen lediglich die Impulspapiervorschläge! Doch es kann m.E. kein Zweifel darüber bestehen, dass der begonnene Diskussionsprozess ergebnisorientiert fortgesetzt wird. Und es ist darum sehr gut, dass heute auch Sie sich daran beteiligen. Denn die kirchliche Zukunftsgestaltung, deren Ergebnis natürlich allein in Gottes Hand liegt, ist zu wichtig, als dass wir sie nur der Kirchenleitung überlassen dürften.

 

 

 

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