Bericht zur Mitgliederversammlung des Pfarrvereins am 21. Mai 2007
Liebe Mitglieder,
unter zwei schlaglichtartigen Überschriften zusammengeführt, lässt sich die gegenwärtige Diskussion in unserer Landeskirche und darüber hinaus in der "Weite der EKD" skizzieren:
"Pfarrberuf mit Zukunft" in einer "Kirche der Freiheit" und ich füge hinzu: Traum oder Wirklichkeit - das ist hier die Frage. Und auf diese Fragestellung wird eine Antwort erwartet - nicht erst in 2017 oder gar 2030 sondern in der gegenwärtigen Zeit. Die Ausgangssituation ist allen hinlänglich bekannt. Um den Herausforderungen in der Zukunft angesichts von gesellschaftlichen Entwicklungen wie demographischen Folgen, von wirtschaftlichen Veränderungen mit finanziellen Einbrüchen und Austrittswellen wie in der Vergangenheit erfahren, zu begegnen, legte der Rat der EKD im Juli vergangenen Jahres ein Impulspapier mit dem Titel "Kirche der Freiheit" - Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert vor. Darin wird deutlich, dass man gegen den Trend der Zeit wachsen will. Um nicht pessimistisch in die Zukunft zu schauen, baut die Kirche auf die in ihr Mitarbeitenden. Das ist gut zu hören, zumal dabei an alle Mitarbeitende gedacht wird. Ein Anliegen, was der PV teilt, weiß er doch um die Dienstgemeinschaft in der wir miteinander stehen. Dazu später noch ein paar Bemerkungen im Blick auf die Beschlussfassung zum Maßnahmengesetz II der Landessynode 2006.
Zurück zum Impulspapier. Hier wird der Pfarrschaft eine "zentrale Rolle" mit "Leitungskompetenz und Kommunikationsaufgabe" (S. 13) zuerkannt. Wenn dabei der Beruf der Pfarrerinnen und Pfarrer als "Schlüsselberuf" der evangelischen Kirche verstanden wird (6. Leuchtfeuer, S. 71 ff) - das gilt sowohl für die kirchliche Arbeit als auch für das Bild der Kirche in der Öffentlichkeit -, den es zu stärken gilt, dann kann dies nur begrüßt werden. Eine solche Würdigung der geleisteten Arbeit in den Gemeinden ist seltener geworden in offiziellen Verlautbarungen der Kirche. Da ist eher vom "Kostenfaktor Pfarrberuf" die Rede. Dem gegenüber gilt es darauf aufmerksam zu machen, dass auch in Krisenzeiten der Kirche Pfarrerinnen und Pfarrer immer noch als kirchliche Sympathieträger genannt werden und im Berufsranking nach den Ärzten weiterhin den zweiten Platz einnehmen (Umfrage des Demoskopischen Instituts Allensbach). Diese Beobachtung hat nicht zuletzt seinen Grund darin, dass unseren Berufsstand eine unmittelbare Nähe zu den Menschen kennzeichnet. Diese Nähe aufzugeben, erscheint töricht. M. a. W.: Es gilt die "überschaubaren Parochien" im Blick zu behalten und zu stärken.
So kommentiert Heike Schmoll in der FAZ vom 19.07.2006 zutreffend: "Was zählt, sind funktionierende Ortsgemeinden. Die dürfen auch zugunsten der Profilgemeinden oder Citykirchen nicht leiden. Noch bedenklicher wäre es, wenn die individuellen Formen der Frömmigkeit durch Konzentration und Zentralisation eingegrenzt würden." Auf den Punkt bringt es Christoph Dinkel in seinem Artikel "Facetime - Chancen direkter Begegnung. Die Unverzichtbarkeit der Pfarrerin und des Pfarrers vor Ort" im Deutschen Pfarrerblatt (2/2007), wenn er der Frage nachgehend, was das Besondere am parochialen Gemeindepfarrdienst ist, ausführt:
"Kirche muss vor Ort und das heißt in der Gestalt von Kirchengemeinden und Pastorinnen und Pastoren unmittelbar und interaktiv erfahrbar sein und bleiben. Nur dann kann die evangelische Kirche als Volkskirche bestehen. Das bedeutet, dass auch in Zukunft die Pastorationsdichte nicht allzu sehr ausgedünnt werden darf. Auch die Gemeindegröße muss so bemessen sein, dass man sich als Gemeindeglied in einer Kirchengemeinde tatsächlich beheimatet fühlen kann. Wer hier zu große Einheiten bildet, riskiert durch die entstehende Anonymität höhere Verluste als durch Kosteneinsparungen zu gewinnen ist" (S. 80).
Schließlich sind "die Pastorin und der Pastor vor Ort... für die Menschen das Gesicht der Kirche: Weil Kirche ein vertrauensvolles Gesicht hat, bleiben Menschen auch dann Mitglied der Kirche, wenn sie über Jahrzehnte von ihren Dienstleistungen keinen Gebrauch machen" (S. 79).
In diesem Zusammenhang weist Dinkel auf die Bedeutung der "Kasualpraxis als interaktiver Ernstfall" hin. Auch das Impulspapier stellt die Bedeutung der Kernangebote, vor allem der Kasualien, heraus. Im Ganzen, und darauf möchte ich ausdrücklich hinweisen, geht es nicht um ein "gegenseitiges Ausspielen" gemeindlicher gegenüber überparochialer, funktionaler Dienste in der Kirche oder gar einer "Abwertung" der letzteren. Ich möchte vielmehr mit Dinkel das Augenmerk darauf richten, "die Pastorin und den Pastor vor Ort in ihrem und seinem anspruchsvollen und schönen Amt zu stärken, ist deshalb eine der entscheidenden Aufgaben für die Zukunft der Kirche."(S. 81)
Diesem Anliegen sollte auch in der Diskussion in unserer Landeskirche Rechnung getragen werden, die mit dem Diskussionspapier "Pfarrberuf mit Zukunft" angestoßen ist. Damit liegen Überlegungen einer landeskirchlichen Arbeitsgruppe vor, die nicht in erster Linie ein neues Pfarrbild entfalten, sondern "auf der Basis des Papiers‚ in der Kirche unter den gegenwärtigen Bedingungen miteinander arbeiten" eine Kommunikation über das Pfarramt auf allen Ebenen der EKvW" in Gang setzen wollen. Dieser Kommunikationsprozess ist terminiert bis zum Ende der Sommerpause. Nach einer weiteren Sichtung der Anregungen und Beiträge durch die Arbeitsgruppe wird dann die Kirchenleitung der Landessynode 2007 ein endgültiges Papier vorlegen. In der Arbeitsgruppe war der PV durch unser Vorstandsmitglied Christa A. Thiel vertreten und hat so einige Anregungen und Vorstellungen einbringen können. Unter anderem fand dabei das Thesenpapier "Vergewisserungen. Zum Verständnis des Pfarramtes - parochialer und funktionaler Dienst" - verabschiedet auf der Mitgliederversammlung 2005 - Eingang in die Überlegungen.
Ohne an dieser Stelle auf Einzelheiten eingehen zu können, sei soviel doch angemerkt:
- Zu begrüßen ist die Rückbesinnung auf die Ordination als Grundlage für den Pfarrberuf im Zusammenhang mit der Frage nach der Identifikation mit dem kirchlichen öffentlichen Amt. Ist doch gerade das Thema Ordination - nicht zuletzt durch Überlegungen einer weitergehenden Übertragung auf andere Berufsgruppen wie in der EKiR angedacht - wieder im Gespräch. Der Verband hat im Rahmen der Mitgliederversammlung auf dem Pfarrtag 2006 in Fulda eine Erklärung mit Thesen dazu verabschiedet. Es ist notwendig, in diesen Zeiten der Verunsicherung und mancher Wirrnisse klar Stellung zu beziehen auf dem Hintergrund der reformatorischen Bekenntnisse und ihrer Ausführungen in der Geschichte der protestantischen Kirche. Darauf haben wir auch in den Pfarrvereinen zu achten.
- Wichtig ist die Verhältnisbestimmung vom Pfarrdienst und dem Priestertum aller Glaubenden in der reformatorischen Tradition. Nur damit kann der Fehldeutung gewehrt werden, dass alle Glaubenden Priester seien.
- Die eingeforderte Entwicklung von Konzeptionen für die Gemeinde / die Kirchenkreise ist hilfreich. Dabei wird auch das Pfarrbild verstärkt ins Blickfeld rücken.
- Der Wunsch nach Dienstvereinbarungen und damit auch stärkerer Festlegung von Dienstzeiten/Freiräumen ist verständlich. Ob dabei jedoch das Modell der EKBO hilfreich ist, darf hinterfragt werden. Die dort vorliegenden Erfahrungen sind ggw. nicht weiterführend.
Viel wäre noch zu sagen im Blick auf beide Papiere. Ich empfehle sie Ihrer Lektüre und verweise zugleich auf die intensive Diskussion im Deutschen Pfarrerblatt zum Impulspapier EKD. Darüber hinaus lade ich schon heute herzlich ein zu einem Studientag des PV am 6. August in Hamm von 15.00-18.00 Uhr. An diesem wollen wir uns mit allen Interessierten ausführlich mit dem Impulspapier und dem anschließenden Zukunftskongress, wie er im Januar 2007 in Wittenberg seinen Einstieg erfahren hat, auseinandersetzen. Als Gesprächspartner zum Thema "Kirche der Freiheit - 1 Jahr danach" hat Superintendent Dr. Beese, selbst Teilnehmer in Wittenberg, zugesagt.
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