Grundsätzliches
Predigthilfe
Eine Predigthilfe für den Trinitatis-Sonntag am 6. Juni 2004 stellt die Konferenz der Europäischen Pfarrverbände (KEP) zur Verfügung. Ziel der KEP ist es, die Verbundenheit der evangelischen Pfarrerinnen- und Pfarrer und ihrer Gemeinden in Europa damit zu stärken. Die Predigthilfe steht unter dem Motto "Grenzen ohne gleichen" legt Ephesser 2, 1-10 aus, stammt von Anders Klostergaard Petersen und ist hier nachzulesen:
Grenzen ohne gleichen
Ephesser 2, 1-10
Anregungen zur Predigt von Anders Klostergaard Petersen für den 6. Juni 2004
Vorschlag der Konferenz der Europäischen Pfarrverbände zur Stärkung der Verbundenheit der evangelischen Pfarrerinnen- und Pfarrer und ihrer Gemeinden in Europa
Es wird oft - und mit gewissem Recht - behauptet, dass das Christentum eine universalistische, grenzensprengende Religion jenseits von Partikularismus sei. Ungeachtet der Probleme einer solchen pauschalisierenden Formulierung, die die Buntheit und Vielfalt sowohl des historischen wie des gegenwärtigen Christentums nicht ernst genug nimmt, birgt sie doch auch eine gewisse Wahrheit. Das junge Christentum, oder sagen wir lieber mit Rücksicht auf die Bandbreite des Phänomens: die jungen Christentümer haben in verschiedenem Maße und auf verschiedene Weise Grenzen gesprengt - wenn auch nicht in der radikalen Weise, wie man es in bedeutenden Strömungen der Theologie des 20. Jahrhunderts mit dem Schlagwort vom kategorialen Novum bezeichnet hatte. Das Christentum war und bleibt ein historisches Phänomen und als solches den Bedingungen menschlicher Kultur und Sozialität unterworfen.
Das bedeutet aber nicht, dass die jungen Christentümer ausschließlich in Kontinuität mit ihren religiösen Muttertraditionen standen. Selbstverständlich hat mit dem Aufkommen des Christentums - wie mit jedem neuen Phänomen menschlicher Kultur -etwas Besonderes die Bühne der Weltgeschichte betreten. Aber, und das muss betont werden, das Neue war nicht neu im Sinne eines radikalen Novum. In den letzten Jahren der Forschung ist es in zunehmendem Maße klar geworden, dass die jungen Christentümer Transformationen und Umstrukturierungen breiterer Strömungen und Denkstrukturen einer mediterranen Einheitskultur darstellten. Das Neue des Christentums ist mit Transformationen und Akzentverschiebungen gegenüber älteren Bedeutungsstrukturen verbunden. Eine dieser grundlegenden Umgestaltungen hängt zusammen mit der Art und Weise, wie man kulturelle und religiöse Grenzen gezogen hat.
Grenzen und Grenzsprengungen schaffen einerseits ein heikles Problem, andererseits sind sie ein universales und unausweichliches Phänomen menschlicher Identitätskonstruktion und Gruppenbildung. Im Lichte der Ereignisse des vorigen Jahrhunderts ist es kaum nötig die Probleme von Grenzziehungen hervorzuheben. Und doch ist Grenzziehung ein bleibendes und unentrinnbares Merkmal menschlicher Existenz.
Man kann nicht als ein Ich oder als eine Gruppe hervortreten ohne sich selbst und anderen klar zu machen, dass das Ich oder die Gruppe über eine spezifische Identität verfügt, die ihren besonderen Inhalt darin hat, dass sie von anderen Ichs und Gruppen unterschieden ist. Als Ich oder als Gruppe in Erscheinung zu treten heißt auch auf seine eigene Identität und seine eigene Existenzberechtigung im Unterschied zu anderen zu pochen. Das kann gefährlich sein und katastrophale Folgen mit sich führen.
Für Religionen und religiöse Gruppen sind Grenzziehungen ein wichtiges Lebenselement. Eine religiöse Gruppe, oder sagen wir angelehnt an die Terminologie des jungen Christentums: eine religiöse Familie hat nur Existenz und Wirklichkeit, insofern die Identitätsgrenzen der Gruppe immer weiter gezogen und bestätigt werden. Religiöse Gruppen sind nicht natürliche und selbstverständliche Einheiten, sondern kulturelle Konstruktionen, die ihre Lebenskraft daraus gewinnen, dass die Grenzen durch Gottesdienste, Belehrungen, Psalmengesang, Gebete und anderes ständig bestätigt und immer neu gezogen werden.
Im Epheserbrief, Kap. 2, geht es auch um Grenzen und Grenzziehung. Diejenigen, die früher Heiden waren, sind in eine neue Familie eingetreten. Sie haben eine neue Identität empfangen, eine Identität, deren Inhalt der Brief sowohl in konkreter Paränese wie in allge-meinen 'theologischen' Aussagen positiv entfaltet. Wo die allgemeinen 'theologischen' Aus-sagen dazu dienen den Lesern/innen die Grundlagen einer christlichen Weltanschauung beizubringen und sie zu bestätigen, haben die paränetischen Anregungen und Aufforderungen die Funktion diese Weltanschauung in ein spezifisches Ethos auszumünzen. Die kerygmati-sche und rhetorische Intention der Paränese ist positiv in dem Sinne, dass die Logik die Ver-wirklichung der in der Paränese eingeschlossenen Aufforderungen voraussetzt und die Bejahung der Anregungen durch die Leser/innen impliziert.
Obwohl sie ursprünglich in einen anderen Stammbaum eingeschrieben waren, sind die Heiden mit ihrem Übergang zur Christus-Bewegung genealogisch neugestaltet worden. Von Geburt waren sie Heiden und als solche unbeschnitten und von Christus getrennt. Das Bürgerrecht Israels war ihnen verweigert. Sie waren Leute ohne Hoffnung, Fremde, die von den Verheißungen des Bundes ausgeschlossen waren (2,11f.). Die Spaltung und Grenze zwischen Juden und Heiden hat aber mittlerweile im Schicksal Jesus Christus ihre Macht verloren. In seinem Tod ist eine neue Weltordnung entstanden, in der Juden und Heiden miteinander leben können. Der frühere Krieg zwischen Gott und Heiden und die früheren Widersprüche zwischen Heiden und Juden sind in Christus Jesus zu Ende gekommen.
Die Möglichkeit eines vertikalen und horizontalen Friedens erwächst aus dem Schicksal Jesus Christus, der seinen Leben der Sprengung von Grenzen geweiht hat. Er hat aus zwei Völkern ein gemeinsames Volk geschaffen. Er hat den Zaun einer bestimmten und bisher dominanten Thoraauslegung durchbrochen, zu der die kategoriale Grenze zwischen Heide und Jude gehörten. Er hat mit seinem Leben die Möglichkeit eines neuen Thoraverständnisses offenbart und ist um dieser Sache willen in den Tod gegangen. Es ist ein Neuverständnis, das die Grenzen in anderer Weise zieht. Durch sein Leben hat Christus den Zugang zur himmlischen Welt wiedereröffnet. Durch sein Friedensevangelium haben sowohl Juden wie Heiden den Zugang zum Vater neu empfangen. Alle sind sie Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen des Vaters (2, 19). Grenzen gibt es noch immer, aber sie sind neu und anders gezogen. Religionsgeschichtlich hängt dies mit einer Verschiebung von einer Segnungs- zu einer Erlösungsreligion zusammen.
Wir leben heute in einer Welt, in der ständig neue Grenzen gezogen werden, und nicht immer die schönsten und ethisch besten. Als Christen mit einem profilierten Grenzbewusst-sein ist es unsere Verantwortung in aktuellen Debatten die Probleme jeder Grenzziehung her-vorzuheben und auf andere Wege hinzuweisen, nach denen Grenzen auch in anderer Weise gezogen werden können. Diese Haltung der Grenzkritik ist uns von unserem Herrn Jesus Christus angewiesen. Als Eckstein eines neuen Tempels hat er uns den Weg gezeigt, auf dem ethnische, geschlechtliche, gesellschaftliche und sozioökonomische Grenzziehungen ihre Macht verloren haben. Statt dieser Grenzen ist eine andere Grenze gezogen.
Sie ist wegen ihrer Gebundenheit an Jesus Christus nicht weniger partikularistisch. Sie trägt aber innerhalb der Grenzen des normalen Lebens die Möglichkeit in sich ein grenzenkritisches Leben zu schenken. Dieses grenzenkritische Leben ist an Jesus Christus gebunden. Er hat uns den Zu-gang zu Gott dem Vater gegeben. Er ist die neue Grenze. Er hat uns die Gabe geschenkt unser Leben zu verwalten innerhalb von Grenzen ? ohne gleichen.
